Pfeifen, Brummen, Zischen oder Summen – Tinnitus kann sich durch ganz unterschiedliche Ohrgeräusche bemerkbar machen. In medizinischer Hinsicht zwar ungefährlich, stellt Tinnitus für die Betroffenen oft eine große Belastung dar. Ein “Allheilmittel” für Tinnitus gibt es leider noch nicht. Jedoch eine Vielzahl möglicher Therapien. Informieren Sie sich mit diesem Beitrag umfassend über Ursachen und Behandlungsformen von Tinnitus. Und finden Sie im besten Fall die richtige Lösung für sich.
Mögliche Ursachen von Tinnitus
Sehr häufig tritt Tinnitus als Folge von Lärmbelastung auf, die die Flimmerhärchen in der Cochlea beschädigt hat. Die Sinneszellen können sowohl durch dauerhaft hohe Lärmbelastung als auch durch eine kurzzeitige extreme Lautstärke wie einen Knall oder eine Explosion Schaden erleiden.
Wie ein Phantomschmerz?
Eine belegte wissenschaftliche Erklärung, wie Tinnitus als Folge eines Hörschadens durch Lärm entstehen kann, liegt laut dem Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) bisher nicht vor. Die wahrscheinlichste Theorie beschreibt das Institut so:
“Eine Theorie besagt, dass die zerstörten oder gereizten Sinneszellen der Hörschnecke keine Signale mehr an das Gehirn weiterleiten. Auf das Ausbleiben echter Signale reagieren die Nervenzellen im Hörzentrum des Gehirns mit verstärkter Aktivität und melden “Phantomgeräusche” – ähnlich wie bei der Entstehung von Phantomschmerzen nach einer Amputation.”
Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG)
Liste weiterer möglicher Ursachen von Tinnitus:
- Hörsturz
- chronische Mittelohrentzündung
- Fremdkörper im Gehörgang wie z. B. Cerumen (“Ohrenschmalz”)
- Trommelfellperforation
- Otosklerose
- Morbus Menière
- Probleme mit Kiefergelenk oder Kiefermuskulatur
- Herz-Kreislauf-Erkrankungen
- Medikamente
- Stress
Häufig geht Tinnitus mit Hörverlust einher
Ob Sie neben dem Tinnitus auch einen Hörverlust haben, können Sie in erster Instanz ganz einfach mit einem Online-Hörtest herausfinden.
Wenn ja, wird Ihnen Ihr HNO in der Regel ein Hörgerät bzw. bei Bedarf Hörgeräte für beide Ohren verordnen. Mit einer adäquaten Hörgeräte-Versorgung haben viele Betroffene sehr gute Erfahrungen gemacht.
Es gibt spezielle Hörgeräte mit integriertem Tinnitus-Noiser. Das heißt: In ruhigen Hör-Situationen kann ein dezentes “weißes Rauschen” eingespielt werden. Dieses dient als Gegengeräusch zum Tinnitus und lässt ihn in den Hintergrund treten. Im besten Fall lernt das Gehirn, den Tinnitus dauerhaft “herauszufiltern”, so dass er gar nicht mehr wahrgenommen wird.
Ein Hörgerät macht den Tinnitus aber auch auf zwei andere Arten automatisch leiser:
- Ein Hörgerät macht die natürlichen Umgebungsgeräusche und vor allem Sprache wieder besser hörbar. So wird der Tinnitus von anderen Geräuschen überlagert. Auch richtet sich die Aufmerksamkeit mehr auf das Gehörte, so dass die Betroffenen immer öfter vom Tinnitus abgelenkt werden.
- Durch ein Hörgerät wird das Gehirn entlastet. Dieses muss sich bei Schwerhörigkeit sehr “anstrengen”. Schließlich möchte es den Hörverlust ausgleichen. Dabei verstärkt das Hörzentrum nicht nur Geräusche, sondern auch den Tinnitus. Übernimmt dann ein Hörgerät die Verstärker-Funktion, fährt das Gehirn diese Aktivität herunter und der Tinnitus wird leiser.
Tinnitus Behandlung » Welche Möglichkeiten gibt es? Gleich vorweg: Leider gibt es derzeit keine echten studienbelegten Therapien, die "standardmäßig" bei Tinnitus angewandt werden. Ähnlich wie Sie bei einer Diät leider keine wissenschaftlich bestätigte "Abnehm-Pille" nehmen können, müssen Sie auch bei einem Tinnitus ganz individuell die beste Lösung für sich finden. Dabei unterstützt Sie natürlich Ihr HNO-Arzt – zuerst mit einer fundierten Diagnose. Da die optimale Tinnitus Behandlung abhängig von der genauen Ursache und entsprechend Tinnitus Diagnose ist, schauen wir uns diese zunächst genauer an, bevor wir zu den 10 Behandlungsformen von Tinnitus kommen.
Tinnitus – Wie erfolgt die Diagnose?
Die Anamnese beim HNO-Arzt umfasst unter anderem diese Fragen und Untersuchungen:
- Um welche Ohrgeräusche handelt es sich, wann treten diese auf und gibt es weitere Symptome wie ein Druckgefühl im Ohr oder Ohrenschmerzen?
- Haben Sie Medikamente genommen und wenn ja, in welcher Dosierung?
- Ist der Tinnitus ein- oder beidseitig?
- Otoskopie des Gehörgangs
- Hörtests
- Abhorchen der Gefäße am Hals
- evtl. Empfehlung einer zahnärztlichen Untersuchung, um Probleme im Kieferbereich auszuschließen
Aufgrund der Ergebnisse kann der HNO feststellen, um welche Art Tinnitus es sich handelt:
- In der Regel ist ein Tinnitus subjektiv. Das heißt: Nur der Betroffene kann ihn wahrnehmen. Ein objektiver Tinnitus, den auch der Arzt z. B. mit dem Stethoskop hören kann, ist sehr selten und tritt vor allem bei Gefäßproblemen auf.
- Es wird unterschieden zwischen akutem Tinnitus und chronischem Tinnitus: Davon spricht man, wenn die Ohrgeräusche seit mindestens drei Monaten vorhanden sind.
- Tinnitus kann nur zeitweise auftreten und den Betroffenen im Alltag kaum stören. Sehr laute, ständig hörbare Ohrgeräusche können dagegen eine massive (psychische) Belastung darstellen. Tinnitus wird daher in verschiedene Schweregrade eingeordnet.
- Lässt sich keine konkrete Ursache für den Tinnitus feststellen, handelt es sich um einen primären Tinnitus. Ist der Tinnitus Folge eines anderen medizinischen Problems wie einem geplatzten Trommelfell oder einer Gefäßerkrankung, spricht man von einem sekundären Tinnitus.
Gut zu wissen: Bei 50 % der Betroffenen verabschiedet sich der Tinnitus von alleine wieder. Bei einem neu aufgetretenen akuten Tinnitus versorgt der HNO-Arzt den Patienten insbesondere bei unklarer Ursache oft mit durchblutungsfördernden Medikamenten. Die Infusion soll das Innenohr entlasten. Auch entzündungshemmendes Kortison kommt bei der Erstversorgung häufig zum Einsatz.
Kann der Tinnitus nicht direkt behandelt und damit gelöst werden, raten Experten aufgrund der aktuellen Studien dazu, nicht mühsam (und eventuell aussichtslos) den Tinnitus zu bekämpfen. Sondern stattdessen die Beschwerden durch einen klugen Umgang mit dem Tinnitus zu lindern. Am besten erforscht ist für diesen Ansatz die "kognitive Verhaltenstherapie".
Tinnitus Therapie » 10 Behandlungsmöglichkeiten kurz erklärt!
Wie oben schon erwähnt: Es gibt derzeit keine “Standard-Therapie” bei Tinnitus. Aber diverse Therapie-Formen. Hier fassen wir für Sie (fast) alle Tinnitus Behandlungen übersichtlich zusammen. So können Sie sich umfassend über die verschiedenen Therapien informieren und finden im besten Fall die passende Lösung für Sie.
Bitte beachten Sie: Wir stellen Ihnen alle Therapie-Formen weder als konkrete Empfehlung noch mit Bewertung vor. Dafür spielen einfach zu viele individuelle Faktoren bei der Tinnitus-Behandlung mit. Einen ärztlichen Rat kann unsere Auflistung ohnehin nicht ersetzen.
5 Tinnitus Therapie-Formen bei bekannter Ursache
1. Durchblutung fördern
Geht der HNO von einer Durchblutungsstörung im Innenohr aus, können Patienten Infusionen mit durchblutungsfördernden Medikamenten erhalten. So wird das Innenohr besser durchblutet und mit Sauerstoff versorgt.
2. Physiotherapie
Rührt der Tinnitus von Fehlstellungen, Verspannungen oder Verletzungen der Halswirbelsäule her, kann Physiotherapie mit Druckpunkt-Behandlung und gezielten Dehnübungen erfolgreich sein.
3. Blutdruck senken
Ist der Tinnitus die Folge von Bluthochdruck, umfasst eine adäquate Behandlung unter anderem blutdrucksenkende Medikamente.
4. Kieferorthopädie
Auch Fehlstellungen des Gebisses oder eine Dysfunktion des Kiefergelenks kann Ohrgeräusche hervorrufen. Dann sollten Betroffene über eine kieferorthopädische Behandlung nachdenken.
5. Operativer Eingriff oder Bestrahlung
Handelt es sich bei einem objektiven Tinnitus um eine tatsächliche Schallquelle im Körper wie den Blutstrom in einem verengten Gefäß oder einen Tumor, so wird direkt die Ursache behandelt – z. B. durch einen kleinen operativen Eingriff oder Bestrahlung.
+ 5 Tinnitus Therapie-Formen bei unbekannter Ursache
Diese Therapie-Formen kommen insbesondere dann zum Einsatz, wenn es bei einem chronischen Tinnitus nicht mehr darum geht, die Ohrgeräusche loszuwerden. Das Ziel ist dann eher, die Lebensqualität der Patienten dauerhaft zu verbessern, indem sich die Betroffenen an den Tinnitus gewöhnen und lernen, ihn zu überhören.
6. Tinnitus-Counselling
In den Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für HNO-Heilkunde wird das Tinnitus-Counselling als Basis-Therapie empfohlen. Noch bevor verhaltenstherapeutische Ansätze Anwendung finden, soll das Counselling aufklären, die Krankheit aus der “negativen Ecke” holen und von Anfang für eine verbesserte Lebensqualität sorgen. Steigt der Leidensdruck erst gar nicht so stark an, muss es nicht zu weiteren psychischen Belastungen kommen. Darauf weist auch das Ärzteblatt hin.
7. Tinnitus Retraining
Bei dem von den Krankenkassen bezahlten Retraining werden die Patienten von Ärzten und Psychologen betreut. Es geht darum, mit dem Tinnitus leben zu lernen und ihn als weniger belastend zu empfinden.
Dafür besteht die Therapie aus 4 Elementen:
- Einzelgespräche für Aufklärung und individuelle Beratung
- Hörtraining, das den Fokus auf Umweltgeräusche lenkt
- Entspannungstechniken wie Autogenes Training, Yoga oder Progressive Muskelrelaxation
- Verhaltenstherapie für das Erlernen des Umgang mit dem Tinnitus und den damit einhergehenden psychischen Herausforderungen
Mehr Informationen zum Retraining stellt die Deutsche Tinnitus-Liga e.V. auf ihrer Seite bereit.
8. Kognitive Verhaltenstherapie
In den Leitlinien gehört die kognitive Verhaltenstherapie aktuell zu den stärksten Empfehlungen. Es geht dabei um eine Veränderung der persönlichen Einstellung zum Tinnitus. Er soll nicht mehr als psychische Belastung und “Katastrophe” erlebt werden, sondern es wird das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten gestärkt. Dafür lernen die Teilnehmer, sich auf positive Lebensaspekte zu fokussieren und eine förderliche Lebenshaltung zu entwickeln. Wichtig ist es dabei, am Ball zu bleiben und auch zwischen den Sitzungen beim Verhaltenstherapeuten an den Problemen zu arbeiten. Diese Kontinuität unterstützen auch diverse Online-Selbsthilfeangebote und Apps.
Verhaltenstherapie via Smartphone bietet beispielsweise die von Ärzten und Psychologen entwickelte Kalmeda Tinnitus-App, die vom Arzt verordnet werden kann.
Ebenfalls ins DiGA-Verzeichnis des Bundesinstitut für Medizinprodukte und Arzneimittel aufgenommen wurde Meine Tinnitus App – Das digitale Tinnitus Counseling. Diese Anwendung kann direkt nach der Erstberatung durch den HNO-Arzt gestartet werden und zeigt den Patienten konkrete Wege für eine verringerte Tinnitus-Belastung auf.
9. Neuro-Musiktherapie
Nicht abschließend erforscht, soll die Neuro-Musiktherapie nach Thaut /NMT) nach Studien des Deutschen Zentrums für Musiktherapieforschung bei 3 von 4 Teilnehmern zu einer signifikanten Linderung der Tinnitus-Belastung geführt haben. Da nicht in den Leitlinien der HNO-Gesellschaft, werden die Kosten für die Therapie von den Krankenkassen nur nach Einzelfall-Entscheidung übernommen. Bei dem fünftägigen Intensivprogramm geht es darum, durch bewusstes Hören spezieller, individuell angepasster Musikstücke die Ohrengeräusche zu “überhören”. Unter anderem werden im Rahmen des Hörtrainings die jeweiligen Tinnitus-Töne bestimmt. Indem der Patient die am Klavier vorgespielten Töne nachsingt, übt er, unwichtige akustische Informationen auszublenden. Beim Entspannungstraining wird der jeweilige Tinnitus-Ton meditative Musik integriert und damit in ein positives Hör-Umfeld eingebettet. Für einen nachhaltigen Therapie-Erfolg müssen die Teilnehmer die Übungen zu Hause weiter absolvieren.
Detaillierte Informationen zur Musiktherapie in der Tinnitus-Behandlung finden Sie direkt bei der Deutschen Musiktherapeutischen Gesellschaft.
10. Hörtherapie
Mithilfe von Konzentrationsübungen trainieren die Teilnehmer, den Fokus weg vom Tinnitus zu anderen akustischen Reizen zu lenken. So lernt das Gehör, Geräusche zu filtern und es fällt den Patienten leichter, die Ohrgeräusche auszublenden.
Eine Hörtherapie kann ambulant erfolgen oder in einer Klinik. Angeboten wird sie in allen Regionen Deutschlands, unter anderem in der TinnitusKlinik Dr. Hesse und in der HNO-Klinik Dr. Gaertner in München.
Fazit: Tinnitus heilen – (wie) ist das möglich?
In etwa 50 % aller Fälle heilt ein akuter, aber auch chronischer Tinnitus spontan von selbst wieder aus.
Ist der Tinnitus nicht auf eine konkrete körperliche Ursache zurückzuführen, muss man ehrlich sein: Derzeit sind keine Methoden bekannt, mit denen sich ein chronischer Tinnitus erfolgreich heilen lässt.
Es gibt aber – wie beschrieben – eine ganze Reihe möglicher Therapien, die den Betroffenen ein großes Stück Lebensqualität sichern können. Der Tinnitus bleibt zwar ein Begleiter, muss aber keine Belastung im Alltag mehr darstellen.
Parallel zu den Therapien können Betroffene ganz einfach diese 4 hilfreichen Strategien für ein besseres Leben mit Tinnitus anwenden:
- Vermeiden Sie die Stille. Zum Beispiel kann leise Musik oder das Plätschern eines Zimmerbrunnens die Ohrgeräusche in den Hintergrund rücken.
- Versuchen Sie, den Tinnitus gelassen zu nehmen. Je bedrohlicher Sie die Ohrgeräusche empfinden, desto stärker nehmen Sie sie wahr. Das erfordert unter Umständen viel Willenskraft oder eben Gelassenheit. Es lohnt sich aber.
- Vermeiden Sie zu viel Stress in Ihrem Leben. Stress macht dünnhäutig und Sie reagieren empfindlicher aus störende Geräusche, also auch den Tinnitus. Vielleicht können Sie Ihren Alltag etwas umstrukturieren oder Entspannungstechniken wie Yoga, Tai-Chi oder Meditation mit sanfter Hintergrundmusik integrieren.
- Suchen Sie den Austausch mit anderen Betroffenen. So erfahren Sie, wie andere ihr Leben mit Tinnitus erfolgreich meistern und erleben, dass Sie mit Ihren Herausforderungen nicht alleine sind. Selbsthilfe-Gruppen gibt es in vielen deutschen Städten und Gemeinden – und natürlich auch online. Die bekannteste Selbsthilfe-Organisation ist die Deutsche Tinnitus-Liga e. V. Einen guten Überblick über regionale Angebote gibt die Tinnitus Selbsthilfe.